WE.N.U | KOMPOSITION EINER GEMEINSAMEN KAKOPHONIE | METROPOLINK 2020

WENU_METROPOLINK_2020

Die Suche nach Infos über die vier Crew Mitglieder von WE.N.U im Netz gestaltet sich fast so aufregend und auch fast genauso aussichtslos, wie die Suche nach dem heiligen Gral. Zu allem Übel war ich zum Zeitpunkt der Fassadengestaltung nicht in Heidelberg und konnte deshalb auch nicht persönlich mit den incredible four sprechen.

Glücklicherweise haben sie mir meine tausendundeine Frage per Email beantwortet.

THE INCREDIBLE FOUR UND DAS SYSTEM DER REDUKTION

WE.N.U bedeutet „we’n’u“ – Wir und Du. Das schließt die Betrachter*innen schon im Namen mit ein. Die Betrachter*innen sind das Bindeglied zwischen der Crew und der fertigen Fassade – nur durch sie wird die Geschichte im Bild lebendig. Ohne „U“ wäre es einfach nur eine schöne Fassade, mit „U“ wird die Fassade zum Blockbuster.

Die Crew, das sind ERIK, MO, JENNE und FRIENDLY, aus Hong Kong und Berlin. 2013 haben sie beschlossen gemeinsam an der ibug teilzunehmen. Die ibug (Industriebrachenumgestaltung) ist ein Street- und UrbanArt Festival, das seit 2006 jährlich an unterschiedlichen Orten in Sachsen stattfindet.

Sie kamen mit der wahnwitzigen Idee zusammen, einen gemeinsamen Stil jenseits ihrer Graffiti-Herkunft zu finden und zu entwickeln. Auf gar keinen Fall sollte es ein klassische Graffiti Wand werden. Die Aufgabe war deshalb mit System zu reduzieren, um miteinander bzw. ineinander malen zu können.

„Die Reduzierung auf schwarz-weiß rührt aus dem Wunsch trotz unterschiedlicher acht Hände eine Form zu finden, wobei das Resultat aus einer Hand zu kommen scheint. Durch dieses Koordinatensystem ordnet der/die Einzelne sich erst einmal unter. Eine Verwirklichung der Individuen erfolgt dann durch die Wahl der Motive.“  Am Heidelberger Mural haben auch alle vier gemeinsam gearbeitet. Ich würde sagen: Mit Bravour gemeistert!

WENU_METROPOLINK_2020

ISOMETRISCHES WIMMELBILD – CRAZY SHIT!

WE.N.U gestalten in gewählter Reduktion überdimensionale Wimmelbilder, bei deren näherer Betrachtung mir alles, aber auf keinen Fall das Wort „Reduktion“ in den Sinn kommen mag.

„Die Idee des Isometrie-Wimmelbildes erlaubt uns gemeinsam, jederzeit an allen Punkten zu malen, wobei wir uns der Komplexität unserer Welt durch Ironie nähern. Unsere Kunst ist nicht dogmatisch, sondern Spiegelbild unserer unterschiedlichen Assoziationen. Alle malen alles und es darf auch übermalt und weitergemalt werden. Es gibt bestimmte Prämissen, zum Beispiel malt Jenne Comic, Mo realistisch, aber diese sind nicht in Stein gemeißelt.“

An der Fassade des Luisenhauses des „KFG“, Heidelberg Slang für das Kurfürst-Friedrich-Gymnasium, wimmelt und krabbelt es jetzt, wie normalerweise nur im Inneren des Gebäudes. Das Luisenhaus ist das Schulgebäude der Sechst- und Siebtklässler. Die Wand entstand in Kooperation zwischen Konfuzius Institut Heidelberg und METROPOLINK Festival. Weitere Wände des METROPOLINK Festivals findest du hier.

Zuerst sticht mir ein glatzköpfiger Riese, sitzend und angelnd auf einer Eisscholle, ins Auge. Er trägt ein Partyhütchen und fischt im Trüben. Ein ungewohnt surrealer Anblick. Ich runzle die Stirn (ja, ja, ich weiß..) hmmm.. komischer Typ. In seinem Rücken stapeln sich große und kleine Häuser in die Höhe, als würden sie vor den Rändern der schmelzenden Eisfläche zurückweichen. Ich höre schon fast das Knirschen der Eisscholle und das brodelnde Poltern der sich aufstapelnden Fassaden. Und schon bin ich unbemerkt im „U“. Das Bild saugt mich ein, hinein in seine Stadt. Ich will wissen was drin los ist, was gibt es noch zu entdecken. Ich bin nicht mehr nur Betrachter*in, jetzt bin ich Besucher*in.

WE.N.U sagen dazu: „WE.N.U ist ein Spiel mit Assoziationen, wir überlassen dem Betrachter seine eigene Geschichte zu entdecken. Wichtig ist dabei für uns, dass Jung und Alt Spaß daran haben, unsere Welt zu entdecken, dabei in sich reinhören und ihren eigenen Assoziationen Raum geben.
Wir ringen beim Malen um Argumente, sind dabei selbst Spiegel aber auch Filter der aktuellen Informationsflut. Entgegen dem inszenierten Singsang der Superstars komponieren wir spontan unsere gemeinsame Kakophonie.“

Zukünftig kann das KFG seine Schüler*innen nach draußen schicken, wenn sie zu aufgedreht sind, um sich wieder zu zentrieren und zu fokussieren.

HEIDELBERG IM WIMMELBILD

Es gibt im Mural auch Referenzen zu Heidelberg. Zum Beispiel das Schild „Fenster zum Hof“ links unten, an einem kleinen Fachwerkhaus. „Fenster zum Hof“ ist die legendäre Platte der Stieber Twins, Christian und Martin Stieber, aus dem Jahr 1996. Meine Lieblingsstadt ist die Wiege des deutschen Hip-Hop und die Stieber Twins wurden als erste darin zum Beat geschaukelt.

WENU_METROPOLINK_2020

Martin Stieber hat den Laden „The Flame“ in der Plöck 20. Hier findet ihr Skaterkram, Sneakers, Streetwear und natürlich die größte Farbpalette an Montana Cans! Damit könnt ihr dann direkt zum Skatepark unter der Ernst-Walz-Brücke marschieren, denn dort darf legal gesprüht werden.

MIR SCHWIRRT DER KOPF – WO FANGT IHR NUR AN?

Bei dieser überbordenden Detailgenauigkeit des Bildes frage ich mich, wo fängt man da an? Und raufe mir im Geiste die Haare und runzle schon wieder die Stirn.

WE.N.U erklären mir ihren Arbeitsprozess so: „Am Anfang steht das Format der Wand, worauf natürlich eingegangen werden muss und ein Zeitfenster. Die Idee von WE.N.U ist das Bild stets gemeinsam an der Wand zu entwickeln und keinen Entwurf zu haben. Wir haben während des Machens gelernt, dass das Interessante unsere unterschiedlichen Argumente sind, bzw. die verschiedenen Assoziationen, die dem Bild die Spannung geben.“ Im Allgemeinen arbeiten WE.N.U ohne Skizze. Manchmal entwickeln sich einzelne Elementen, oder eine spontane Komposition, die dann an der Wand weiterentwickelt wird, oder die gemeinsam wächst.


„WIR SIND EINE BAND, WELCHE SICH AB UND ZU ZUM JAMMEN TRIFFT.“ (WE.N.U)


WE.N.U arbeiten an der Fassade ganz klassisch mit Rolle und Pinsel, im Farbspektrum schwarz, weiß und grau. Sie beschränken sich aber keinesfalls nur auf das Medium Fassade. Sie arbeiten auf Leinwand, Papier und digital, sie entwickeln 3D Installationen und demnächst sogar eine Animation. Ich bin sehr gespannt, was da kommt!

WO IST DIE WAND?

Das Mural befindet sich an der Wand des Luisenhauses des Kurfürst-Friedrich-Gymnasiums Heidelberg.

Luisenhaus | Luisenstraße 1-3 | 69115 Heidelberg

Meine Lieblingsfigur in diesem Wimmelbild ist das kleine, beunruhigte Monster – findest du es? 🙂

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.